
Ankunft in Hattingen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
(c) Sebastian Sendlak
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verlegt Amtssitz nach Hattingen
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat für drei Tage seinen Amtssitz an die Ruhr verlegt: Mit seinem Eintreffen in Hattingen am Dienstag, 22. September 2026, beginnt die mittlerweile 20. Ausgabe des Gesprächsformats „Ortszeit Deutschland“. Für das Staatsoberhaupt markiert der Besuch an der Ruhr zugleich den feierlichen Schlusspunkt der bundesweiten Reihe, die er vor wenigen Jahren ins Leben gerufen hatte. Bei einem vertraulichen Hintergrundgespräch mit Journalistinnen und Journalisten erläuterte Steinmeier zum Auftakt seiner Tage in der Ruhrstadt die Beweggründe für seine Reise, sprach über den gesellschaftlichen Dialog und blickte auf die zentralen Anliegen der Kommunen.
Die Motivation für das Format entstand aus der Erfahrung wachsender gesellschaftlicher Entfremdung: „Viele Menschen haben den Eindruck, dass sich für sie niemand interessiert, dass sie nicht gesehen und insbesondere nicht gehört werden“, erklärte Steinmeier. Seinen Anfang nahm das Projekt nach hitzigen Protesten während der Pandemie im thüringischen Altenburg. Ursprünglich habe er weder mit fünf noch mit zehn Terminen gerechnet – nun endet das Programm mit der runden zwanzigsten Station in Hattingen.
Das Auswahlkriterium blieb dabei über alle Stationen hinweg unverändert: Nicht die glänzenden Hauptstädte oder großen Metropolen anzusteuern, sondern bewusst Orte aufzusuchen, in denen Politik nicht ohnehin tagtäglich mit allen Kameras präsent ist. Dass das Finale in Hattingen stattfindet, begründete das Staatsoberhaupt mit dem Charakter der Stadt: Hattingen zähle zu den mittleren Städten und habe eine historische Sonderstellung im Revier eingenommen – von Kohle und Stahl geprägt, doch stets eine grüne Lunge, die mit Projekten wie dem Ruhrtalradweg einen erfolgreichen Strukturwandel hin zu mehr Tourismus vollzogen habe. „Hattingen ist eine Stadt, die nicht fertig ist. Genau so etwas suchen wir“, so Steinmeier über Orte, an denen engagiert um die eigene Zukunft gerungen wird.
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Zuhören mit Zeit: Begegnung auf Augenhöhe statt Blitzbesuch
Der Bundespräsident betonte den klaren Unterschied zwischen klassischen protokollarischen Auftritten und der mehrtägigen Präsenz. Statt mit der Limousine vorzufahren, eine Rede zu halten und wieder abzufahren, schaffe die Ortszeit Raum für Geduld und echte Zwischentöne. Neben niedrigschwelligen Gesprächsrunden ohne Expertenbarrieren – etwa zu den Spannungsfeldern zwischen Klimaschutz und Gewerbeansiedlungen oder der Debatte um Wehr- und Gesellschaftsdienst – seien vor allem die spontanen Begegnungen auf der Straße und dem Marktplatz das Herzstück des Besuchs.
Trotz der spürbaren Unversöhnlichkeit in den sozialen Netzwerken erlebe er im direkten Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort eine ganz andere Atmosphäre: „Wenn man den Menschen wirklich ernsthaft begegnet und sie ins Gespräch zieht, spüre ich immer noch mehr Neugier als Ablehnung.“ In Hattingen nehme er eine bemerkenswerte Grundstimmung wahr: „Eine gelassene Zuversicht, dass sich die Dinge bei allen großen Herausforderungen immer noch zum Besseren wenden lassen.“
Deutliche Worte fand Steinmeier gleich zu Beginn seines Aufenthalts zur digitalen Medienwelt. Ausgehend von Erfahrungen an Berliner Schulen nach dem 7. Oktober erinnerte er daran, dass junge Menschen zwar wenige Stunden in der Schule, aber oft viele Stunden am Tag im Netz verbrächten, wo Algorithmen und Echokammern die Meinungsbildung dominierten. Umso dringlicher forderte der Bundespräsident eine Altersbegrenzung für die Nutzung sozialer Medien, um Kinder und Jugendliche wirksam vor Radikalisierung und gezielter Desinformation zu schützen.
Kommunale Realität: Entlastung von Bürokratie gefordert
In seinen ersten Gesprächen mit den Fraktionsvorsitzenden des Hattinger Stadtrates standen die drängenden Probleme vor Ort ganz oben auf der Tagesordnung. Kommunale Lebensqualität entscheide sich tagtäglich daran, ob Sportstätten, Schulen und öffentliche Infrastruktur intakt blieben. Da den Kommunen schlicht das Geld fehle, müsse der Staat an anderer Stelle für Erleichterung sorgen.
Steinmeier forderte mit Nachdruck, den überbordenden Verwaltungsaufwand abzubauen. Die Anliegen aus seinen Vor-Ort-Besuchen habe er bereits kontinuierlich in die bundesweiten Debatten zur Reform der staatlichen Verwaltung eingebracht. Entscheidend sei, dass Entbürokratisierung nicht in den Ministerien von Bund und Ländern stecken bleibe, sondern konkret in den Rathäusern und im Vereinsleben ankomme. Insbesondere das ehrenamtliche Engagement – etwa in kleinen Sportvereinen, die unverzichtbare Jugendarbeit leisten – leide zunehmend unter ausufernden bürokratischen Hürden.
Mit Blick auf jüngste Wahlergebnisse warnte Steinmeier davor, wie gelähmt auf politische Ränder zu starren oder den Abgesang auf die demokratische Mitte anzustimmen. Stattdessen brauche es politisches Selbstbewusstsein und den Mut zu zukunftsorientierten Reformen. Für die kommenden Tage in Hattingen setzt Steinmeier auf genau diese Haltung: unvoreingenommen zuzuhören, Kontroversen auszuhalten und das gegenseitige Verständnis vor Ort zu stärken.
