
Stadion an der Hafenstrasse, Essen
(c) Sebastians Sendlak
Am Tag nach der richtungsweisenden Entscheidung im Stadtrat haben die Stadt Essen, die Grundstücksverwaltung GVE und der Vorstand von Rot-Weiss Essen auf einer Pressekonferenz den weiteren Fahrplan für die Modernisierung der Arena vorgestellt. Neben gestiegenen Kosten und einem neuen Fertigstellungstermin standen auch politische Debatten und wirtschaftliche Potenziale im Fokus.
Einen Tag nach der entscheidenden Sitzung des Essener Stadtrats am 8. Juli 2026 versammelten sich die Verantwortlichen im Stadion an der Hafenstraße, um die konkreten Details des beschlossenen Stadionausbaus der Öffentlichkeit zu präsentieren. Auf dem Podium bezogen Oberbürgermeister Thomas Kufen, die GVE-Geschäftsführer Dirk Miklikowski und Martin Harter sowie die RWE-Vorstände Marc Nicolai Pfeiffer und Alexander Rang Stellung zu dem Millionenprojekt. Oberbürgermeister Kufen betonte, dass der Ausbau eine fundamentale Investition in eine moderne Sportinfrastruktur sei, die sowohl im Interesse der Stadt als auch der Profilierung Essens als Sportstadt liege. Ein ausgebautes Stadion sei zudem Teil der regionalen Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele sowie Voraussetzung für zukünftige DFB-Länderspiele der Männer und Frauen.
Die dem Beschluss vorausgegangene Ratsdebatte am Vorabend verlief laut Kufen erwartungsgemäß hitzig und emotional, da sich an den Positionen der Befürworter und Gegner in den vergangenen zwölf Monaten kaum etwas verändert habe. Während das Projekt von einer breiten Mehrheit aus CDU, SPD, EWW, AfD und FDP getragen wurde, stimmten die Grünen, die Linke, die Partei und Volt dagegen; das BSW enthielt sich. Kufen verteidigte die Investition gegen die Kritik, sie ginge zulasten anderer städtischer Aufgaben. Es werde im Gegenzug keine Schultoilette, keine Turnhalle und keine Kita weniger gebaut. Angesichts des gewaltigen städtischen Gesamt-Investitionsprogramms von Hunderten Millionen Euro seien die Stadion-Ecken eine der kleineren Maßnahmen.
Neuer Kostenrahmen: Gesamtbudget steigt auf 33,8 Millionen Euro
Im Zuge der aktuellen Ratsvorlage wurde eine Anpassung des finanziellen Rahmens beschlossen. Das Gesamtbudget für den Ausbau der vier Stadionecken beläuft sich nun auf 33,8 Millionen Euro. GVE-Geschäftsführer Dirk Miklikowski und der technische Geschäftsführer Martin Harter erläuterten, dass in dieser Summe bereits die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen, gestiegene Energiekosten sowie erhöhte Preise für Baumaterialien und Logistik eingepreist seien.
Um im Laufe der kommenden zwei bis drei Jahre vor weiteren Überraschungen geschützt zu sein, beinhaltet das Budget einen vom Rat genehmigten, zehnprozentigen Kostenpuffer. Dieser Puffer soll bei unvorhersehbaren Materialpreissteigerungen über faire Preisgleitklauseln mit den Bauunternehmen genutzt werden, ohne dass bei jeder Anpassung zeitaufwendige politische Gremienläufe von mehreren Monaten drohen, die den Bau unnötig verzögern würden. Ursprünglich war die Erweiterung im Jahr 2025 noch mit brutto rund 29,4 Millionen Euro (netto 24,7 Millionen Euro) veranschlagt worden.
Der ebenfalls ausgehandelte neue Pachtvertrag mit dem Hauptnutzer Rot-Weiss Essen läuft über eine Dauer von fünf Jahren. Das Modell sieht vor, dass die Stadt im Falle eines sportlichen Erfolgs des Vereins über eine höhere variable Pachtkomponente profitiert und die Belastung für die öffentliche Hand deutlich minimiert wird. Die Vereinsführung um Marc Nicolai Pfeiffer betonte, dass ein modernisiertes Stadion kein Selbstzweck, sondern die zwingende Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung, Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltigen Erfolg sei. RWE stoße mit einer extrem hohen Auslastung im Heimbereich und regelmäßig ausverkauften Spielen längst an seine infrastrukturellen Grenzen.
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Logen und TV-Studios: Statische Ertüchtigung für spätere Ausbaustufe
Das 2012 und 2013 mit vier freistehenden Tribünen eröffnete Stadion bietet aktuell Platz für rund 20.000 Zuschauer. Für die Zulassung zu internationalen Partien oder Länderspielen fordert der Verband jedoch eine Mindestkapazität von 20.000 reinen Sitzplätzen, die derzeit nicht gegeben ist. Mit dem nun beschlossenen Schließen der vier Ecken (Ausbaustufe zwei) wird diese Lücke geschlossen.
Technisch bringt das Vorhaben im Vergleich zu alten Plänen aus den Jahren 2010 bis 2012 eine Besonderheit mit sich: Die sogenannte Ecke D (links unten im Lageplan) wird als vollwertiges „Warmgebäude“ konzipiert. Dort sollen TV-Studios sowie bis zu 400 neue Business- und Logenplätze entstehen, aufgeteilt auf zwei Etagen (150 Plätze im zweiten Obergeschoss, 250 im ersten Obergeschoss). Aufgrund des hohen zusätzlichen Gewichts dieser Vip-Ecke muss die Statik im Zuge der Bauarbeiten so ertüchtigt werden, dass eine hypothetische dritte Ausbaustufe – eine Erhöhung der Ränge um acht Meter für weitere 10.000 Plätze – in der Zukunft möglich bleibt.
Parallel zu den Arbeiten am Stadion wird die Infrastruktur im Umfeld optimiert. Geplant ist unter anderem eine direkte, fußläufige Wegeverbindung vom Stadion zum benachbarten Autokino. Dadurch sollen bereits vorhandene Stellplätze spürbar besser an das Stadiongelände angebunden und die Verkehrsorganisation an Spieltagen entlastet werden. Das ursprünglich diskutierte Fahrradparkhaus wird durch flexiblere, barrierefreie und ebenerdige Fahrradabstellanlagen ersetzt. Zudem ist im unmittelbaren Umfeld ein rund eine Million Euro teures, multifunktionales Gebäude für soziale Fan-Arbeit und Antidiskriminierungsprojekte vorgesehen.
Neuer Zeitplan: Baustart im Spätherbst 2026 – Fertigstellung zur Saison 2028/2029
Der ursprüngliche Zeitplan, der einen Baubeginn direkt nach dem Ende der Spielzeit 2025/2026 im Juni vorsah, konnte nicht gehalten werden. Durch die Verzögerungen beim Pachtvertrag und der Budgetanpassung sind die im alten Bauzeitenplan integrierten Pufferzeiten bereits aufgebraucht. Die GVE stellt derzeit die Ausschreibungsunterlagen für das primäre Rohbaugewerk fertig und wartet täglich auf die finale Teilbaugenehmigung der Bauordnungsbehörde.
Der aktuelle Fahrplan sieht nun wie folgt aus:
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Spätestens August 2026: Start der europaweiten öffentlichen Ausschreibung für die Rohbauarbeiten.
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Ende Oktober / Anfang November 2026: Offizieller Baustart am Stadion an der Hafenstraße.
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Bauphase: Begonnen wird parallel mit der technisch aufwendigen Ecke D sowie der Ecke C (links oben). Es folgen die Ecken B und A. An Spieltagen ruht die Baustelle komplett; aus Sicherheitsgründen fallen temporär maximal 500 Sitzplätze pro Spieltag weg. Die prioritäre Ecke C soll vorzeitig in Betrieb gehen, um die Fantrennung zu optimieren und den Kapazitätsausfall im Stadion bereits während der Bauphase überzukompensieren.
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Drittes Quartal 2028: Gesamtfertigstellung des Eckenausbaus im Idealfall pünktlich zum Saisonstart 2028/2029.
Kritik an Fan-Umtrieben sorgt für Gesprächsstoff
Überschattet wurde die sportliche und wirtschaftliche Aufbruchstimmung durch die Nachwehen der politischen Debatte im Rat. Journalisten griffen auf der Pressekonferenz die scharfe Kritik der Fraktion Die Linke auf, die den RWE-Fans kollektiv extrem rechte Tendenzen vorgeworfen und den Eindruck erweckt hatte, der Verein tue zu wenig gegen Gruppierungen wie die „Steeler Jungs“.
RWE-Vorstand Alexander Rang wies diese Vorwürfe in aller Deutlichkeit zurück. Der Verein habe eine klare, in der Satzung verankerte Haltung gegen jede Form von Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Dies werde durch die Arbeit der Fanbetreuung, die Initiative „Essener Chancen“ und den neu gegründeten Arbeitskreis für Fanbelange und Sicherheit aktiv mit Handlungen unterstrichen. Stadionverbote würden im Rahmen der rechtlichen und datenschutzrechtlichen Möglichkeiten in aller Härte durchgesetzt, sobald Täter ermittelt werden. Für die Identifikation arbeite man eng mit den Behörden und modernen Kamerasystemen im Stadion zusammen.
