Wirtschaft diskutiert Zukunft des Essener Stadthafens
Hafenfest in Essen : Die Logistikbranche hat geladen

(c) Sebastian Sendlak

Binnenhäfen brauchen mehr Sichtbarkeit, bessere Infrastruktur und verlässliche Planung

In der Ruhrgebietsgroßstadt Essen ist der Hafen für einen Tag sichtbar in den Mittelpunkt gerückt. Beim Hafentag ESSEN WESTUFER 2026 auf dem Gelände der Westfracht GmbH wurde deutlich, welche wirtschaftliche Bedeutung der Stadthafen für Industrie, Logistik, Versorgungssicherheit, Ausbildung und regionale Wertschöpfung hat. Angedockt an den Hafentag fand auf einem Bereisungsschiff der Weißen Flotte ein Fachforum auf dem Rhein-Herne-Kanal statt, das mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Verbänden und Netzwerken hochkarätig besetzt war.

Die Binnenschifffahrt im Ruhrgebiet ringt seit langem um mehr Wahrnehmung und um ihre künftige Rolle in einer nachhaltigeren Güterverkehrsstrategie. Beim Fachforum wurde deutlich: Binnenhäfen sind weit mehr als logistische Randlagen. Sie sind Wirtschaftsflächen, Infrastrukturdrehscheiben und ein wichtiger Baustein für Industrie, Versorgungssicherheit und klimafreundlichere Transportketten.

Unter dem Leitmotiv „Infrastruktur erhalten, Wirtschaft verstehen, Zukunft sichern“ kamen die Teilnehmenden zusammen, um über die Zukunft des Essener Hafens und die Rolle der Binnenschifffahrt im Ruhrgebiet zu diskutieren. Organisiert wurde das Format gemeinsam von der IHK zu Essen, dem Kompetenznetz Logistik.NRW, dem Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen e.V. sowie der Westfracht GmbH.

Nach mehreren Jahren ohne vergleichbares Treffen war der Gesprächsbedarf groß. Im Zentrum stand die Frage, wie Binnenhäfen im Ruhrgebiet wieder stärker als das wahrgenommen werden können, was sie tatsächlich sind: Wirtschaftsstandorte, trimodale Knotenpunkte und unverzichtbare Infrastrukturelemente für regionale Wertschöpfung.

Binnenhäfen laufen zu oft unter dem Radar

Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion war die mangelnde Sichtbarkeit der Hafenwirtschaft. Viele Binnenhäfen liegen mitten in Städten oder in unmittelbarer Nähe zu industriellen Standorten, werden in der öffentlichen Wahrnehmung aber kaum als relevante Wirtschaftsorte erkannt. Dabei werden hier Rohstoffe, Recyclinggüter, Betriebsmittel, Baustoffe, Projektladungen und industrielle Vorprodukte bewegt. Gerade für produzierende Unternehmen sind diese Verkehre oft keine Ergänzung, sondern Voraussetzung für funktionierende Lieferketten.

Der Essener Hafen steht exemplarisch für diese Situation. Er ist kein touristisches Wasserlagenprojekt, sondern ein Arbeitsort. Hier treffen Wasserstraße, Straße und Schiene aufeinander. Hier werden industrielle Prozesse ermöglicht, Versorgungsketten gesichert und großvolumige Güterströme gebündelt. Genau diese Funktion droht jedoch in vielen Städten aus dem Blick zu geraten, wenn Hafenflächen vor allem als potenzielle Entwicklungsflächen am Wasser wahrgenommen werden.

Aus Sicht der Wirtschaft ist das problematisch. Hafenflächen sind standortgebunden. Eine Kaikante, ein Wasserstraßenanschluss, eine Umschlagfläche, ein Gleisanschluss oder eine funktionierende hafenaffine Nachbarschaft lassen sich nicht beliebig an anderer Stelle ersetzen. Was einmal für nicht hafenaffine Nutzungen verloren geht, steht der Güterverkehrswende dauerhaft nicht mehr zur Verfügung.

Industrie braucht leistungsfähige Wasserstraßen

Wie stark die regionale Industrie auf funktionierende Hafeninfrastruktur angewiesen ist, machte die Diskussion mit Unternehmensvertretern deutlich. Dr. Andreas Lützerath, Vorstandsmitglied der TRIMET Aluminium SE, erläuterte die Bedeutung des Essener Hafens für industrielle Lieferketten. TRIMET hat seinen Hauptsitz in Essen und ist auf verlässliche Rohstoffströme angewiesen. Für industrielle Betriebe dieser Größenordnung ist die Wasserstraße kein Randthema, sondern Teil der Standortqualität.

Auch die Perspektive der Betriebsmittel und Kraftstofflogistik spielte eine Rolle. Sebastian Sira von der UTG Unabhängige Tanklogistik GmbH machte deutlich, dass Energie und Betriebsmittelversorgung ohne robuste Logistikketten nicht funktionieren. Hafenstandorte übernehmen damit auch eine Versorgungsfunktion, die weit über den unmittelbaren Umschlag hinausgeht.

2026_05_29 Hafenfest Essen
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Fotos: Sebastian Sendlak

Letzte Meile bleibt Hürde

Neben der planerischen Sicherung wurde vor allem die praktische Erreichbarkeit der Hafenstandorte diskutiert. Die sogenannte letzte Meile entscheidet häufig darüber, ob ein Transport tatsächlich über Wasserstraße und Schiene abgewickelt werden kann oder am Ende doch auf der Straße landet.

Gerade bei Großraum und Schwerlasttransporten sind die Anforderungen hoch. Genehmigungen, Brückenrestriktionen, Streckenprüfungen, kommunale Abstimmungen und kurzfristige infrastrukturelle Einschränkungen machen die Organisation komplex. Für Unternehmen können daraus erhebliche Kosten, Verzögerungen und Planungsunsicherheiten entstehen.

In der zweiten Podiumsrunde schilderten unter anderem Ralf Teichmann von der Ralf Teichmann GmbH und Vizepräsident der IHK zu Essen, Uwe Metzger von der von Schaewen GmbH sowie Ulrich Langhans von der Westfracht GmbH die Herausforderungen aus unternehmerischer Sicht. Alexander Am Zehnhoff Söns, General Manager des Multimodal Terminals Trier, zeigte zudem, wie multimodale Schnittstellen an anderen Standorten funktionieren können.

Die zentrale Botschaft: Es reicht nicht, politische Verlagerungsziele zu formulieren. Die Unternehmen brauchen verlässliche, genehmigungsfähige und wirtschaftlich tragfähige Transportketten. Dazu gehören leistungsfähige Wasserstraßen ebenso wie funktionierende Zufahrten, belastbare Brücken, abgestimmte Genehmigungsprozesse und eine bessere Koordination zwischen Bund, Land, Kommunen und Infrastrukturträgern.

Bund, Land und Kommune sind gleichermaßen gefordert

Das Fachforum machte deutlich, dass die Zukunft der Binnenschifffahrt auf mehreren Ebenen entschieden wird.

Auf kommunaler Ebene geht es darum, den Essener Hafen als Wirtschaftsstandort ernst zu nehmen, seine Flächenfunktionen zu sichern und die Erreichbarkeit für ansässige Unternehmen zu verbessern. Hafenentwicklung darf nicht nur als Randthema der Stadtentwicklung betrachtet werden. Der Hafen ist Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur Essens.

Auf Landesebene stellt sich die Frage der planerischen Sicherung. Der Landesentwicklungsplan Nordrhein-Westfalen sollte Häfen stärker als zusammenhängendes System betrachten. Damit könnten auch kleinere und mittlere Hafenstandorte geschützt werden, die für Industrie, Logistik, Bauwirtschaft, Kreislaufwirtschaft und Versorgungssicherheit unverzichtbar sind.

Auf Bundesebene braucht es schließlich mehr Investitionen in die Binnenwasserstraßen. Schleusen, Kanäle, Brücken, Uferanlagen und Fahrrinnen sind Grundlage für die Leistungsfähigkeit der Binnenschifffahrt. Wenn die Wasserstraße politisch gewollt ist, muss sie auch finanziell und infrastrukturell entsprechend ausgestattet werden.

Fördermittel, Zuständigkeiten und Netzwerke

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Frage, wie vorhandene Fördermöglichkeiten besser genutzt werden können. Während andere Länder, wie Bremen, bei Hafen und Wasserstraßeninfrastruktur sichtbarer und koordinierter auftreten, besteht in Nordrhein-Westfalen aus Sicht vieler Teilnehmender Nachholbedarf. Es braucht ein stärkeres Zusammenspiel von Unternehmen, Kommunen, Land, Bund, Verbänden und Kammern, um Förderprogramme, Infrastrukturbedarfe und konkrete Projekte besser miteinander zu verbinden.

Die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung, darunter Christof Rasche, Vorsitzender der Parlamentarischen Gruppe Binnenschifffahrt im Landtag Nordrhein-Westfalen, Fabian Schrumpf, CDU-Fraktionsvorsitzender im Rat der Stadt Essen, sowie Agnes Tepperis, verkehrspolitische Sprecherin der SPD Ratsfraktion Essen, nahmen die Hinweise aus der Wirtschaft auf. Auch Jennifer Trabant aus dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen beleuchtete die Herausforderungen aus Landessicht.

Aus Sicht der IHK zu Essen ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Die Hafenwirtschaft braucht eine noch bessere Vernetzung, noch mehr Sichtbarkeit und eine stärkere Übersetzung ihrer Anliegen in kommunale, landespolitische und bundespolitische Entscheidungsprozesse.

Nach Einschätzung von Malte Gehring von der IHK zu werden die geführten Gespräche auf dem Rhein-Herne-Kanal zugleich ein Auftakt sein. Ziel sei es, zwischen den Industrie- und Handelskammern im Ruhrgebiet, der Parlamentarischen Gruppe Binnenschifffahrt NRW und weiteren Stakeholdern noch mehr Dynamik aufzunehmen, konkrete Probleme klarer zu beschreiben und gemeinsam an tragfähigen Lösungen zu arbeiten.

Fachkräfte und Ausbildung gehören zur Hafenstrategie

Neben dem Fachforum auf dem Schiff präsentierten sich auf dem Gelände der Westfracht GmbH an der Hafenkante auch Unternehmen der Hafenwirtschaft und angrenzender Branchen. Lkw, Spezialfahrzeuge, Mobilkran, Lok, Schauverladungen, Exportverpackung und Unternehmensstände machten sichtbar, wie vielfältig die Tätigkeiten am Hafen sind.

Dabei wurde auch deutlich, dass die Hafenwirtschaft ein Fachkräftethema hat. Viele Berufsbilder sind praktisch, krisensicher und wirtschaftlich relevant, werden aber von Jugendlichen, Schulen und Eltern kaum wahrgenommen. Das erscheint als ein strukturelles Problem. Wenn der Hafen in der Stadtgesellschaft unsichtbar bleibt, bleiben auch die Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten unsichtbar.

Die Resonanz aus dem Schulbereich blieb insofern hinter den Erwartungen zurück. Das zeigt, dass Berufsorientierung und wirtschaftliche Realität stärker zusammengebracht werden müssen. Gerade in einer Region mit industrieller Tradition und logistischer Stärke sollte die Hafenwirtschaft nicht als fernes Spezialthema gelten, sondern als konkreter Ausbildungs- und Arbeitsort vor der eigenen Haustür.

Ein neuer Blick auf den Hafen

Das Fazit des Hafentags und des Fachforums fiel eindeutig aus: Der Essener Hafen und die Binnenhäfen im Ruhrgebiet brauchen mehr Aufmerksamkeit, mehr planerische Sicherheit und bessere infrastrukturelle Rahmenbedingungen. Es geht nicht um Nostalgie und auch nicht nur um Logistik. Es geht um Standortpolitik.

Die Binnenschifffahrt kann einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Straße, zur Sicherung industrieller Lieferketten und zu klimafreundlicheren Güterverkehren leisten. Dafür braucht sie aber funktionierende Häfen, gesicherte Flächen, leistungsfähige Wasserstraßen, verlässliche Genehmigungsprozesse und politische Priorität.

Der Hafentag ESSEN 2026 hat gezeigt, dass Wirtschaft, Politik und Verwaltung miteinander ins Gespräch kommen können. Jetzt kommt es darauf an, aus Sichtbarkeit Verbindlichkeit zu machen.

Denn der Hafen ist kein Relikt vergangener Industriezeiten. Er ist ein Standortfaktor für die Zukunft.