Das Ende einer Ära: Bochum Total zieht nach 40 Jahren in den Westpark um
Bochum total im Westpark

(c) Sebastian Sendlak

Paukenschlag zum runden Jubiläum: Die laufende 40. Auflage des legendären Umsonst-und-draußen-Festivals ist die letzte an seiner Geburtsstätte. Ab dem kommenden Jahr wechselt das Event an die Jahrhunderthalle. Stadtspitze und Ordnungsbehörden unterstützen den Umzug in den Westpark geschlossen und betonen die massiven Vorteile für die Sicherheit und das Festival-Wachstum.

Es ist eine Nachricht, die die deutsche Festivallandschaft tief bewegt: Das Festival Bochum Total, eines der größten Innenstadtfestivals Europas, verlässt nach genau vier Jahrzehnten das Bochumer Bermuda3Eck. Während zehntausende Musikfans noch bis zum Sonntag, den 5. Juli, Acts wie Jupiter Jones, Thomas Godoj, KUULT oder Mambo Kurt auf den Straßen des Szeneviertels zujubeln, verkündeten die Verantwortlichen am heutigen Samstag offiziell das Ende einer Ära. Das Festival bleibt der Stadt Bochum zwar erhalten, schlägt jedoch im kommenden Jahr ein komplett neues Kapitel auf: Vom 1. bis 4. Juli 2027 wird Bochum Total erstmals im weitläufigen Westpark rund um die altehrwürdige Jahrhunderthalle stattfinden.

Logistische Grenzen und extreme Mehraufwände am Südring

„Die Entscheidung fiel uns natürlich nicht leicht“, betont Festivalgründer und Veranstalter Marcus Gloria, der das Event 1986 gemeinsam mit Heri Reipöler ins Leben gerufen hat. Doch das kontinuierliche Wachstum der Musikmeile stieß in den dicht bebauten Straßenquartieren der City zunehmend an unüberwindbare Mauern. Um das Festival zukunftsfähig weiterzuentwickeln, fehle im Bermuda3Eck schlichtweg der Platz. Innovative Programmpunkte, interaktive Aktionen oder dringend benötigte Entzerrungsbereiche abseits der dicht gedrängten Hauptbühnen ließen sich zuletzt kaum noch oder gar nicht mehr realisieren.

Hinzu kommen die im Laufe der Jahre drastisch verschärften gesetzlichen Anforderungen an Großveranstaltungen im öffentlichen Raum. Die gesamte Festivalszene habe zuletzt erstaunt nach Bochum geblickt und sich gefragt, wie ein Event dieser Größenordnung mitten in einer engen Innenstadt logistisch überhaupt noch zu bewältigen sei. Der immense finanzielle und personelle Mehraufwand für die tagelangen Sperrungen ganzer City-Bereiche war laut Gloria nur noch durch die enge Kooperation mit Sponsoren, Partnern sowie der städtischen Verwaltung tragbar. Vor diesem Hintergrund stand das Team vor der Wahl: Stillstand oder Neuanfang. Man entschied sich bewusst für den neuen Weg.

Voller Rückendeckung durch die Stadt Bochum

Die Neuausrichtung des Kult-Events stößt im Bochumer Rathaus auf breite und begeisterte Zustimmung. Die Stadtspitze sieht im Umzug eine historische Chance für das Festival und die urbane Kultur.

Oberbürgermeister Jörg Lukat findet deutliche Worte für den Stellenwert der Veranstaltung:

„Bochum Total ist seit 40 Jahren ein wesentlicher Bestandteil unserer DNA, ein Bekenntnis zu unserer Stadt und zu ihrer gastfreundlichen Atmosphäre. Ich freue mich, dass Bochum Total neue Wege gehen und weiter wachsen will. Das riesige Areal des Westparks rund um die Jahrhunderthalle bietet dafür beste Möglichkeiten. Es ist gut erreichbar, einer der schönsten Parks der Stadt und bietet ein entspanntes Umfeld. Bochum Total bleibt der Innenstadt erhalten und wird gleichzeitig neu definiert.“

Auch aus Sicht der Sicherheitsbehörden bringt das offene Parkgelände eine massive Erleichterung mit sich. Ordnungsdezernent Sebastian Kopietz erklärt dazu:

„Die Erfolgsgeschichte von Bochum Total kann an einem neuen Ort weitergehen. Ein entscheidender Vorteil des neuen Standorts Westpark ist vor allem die deutliche Vereinfachung des Sicherheitskonzepts, aber auch der begaten verkehrlichen Maßnahmen. Auf dem offenen, übersichtlichen Areal des Westparks lässt sich ein modernes Sicherheitskonzept mit wesentlich geringerem Aufwand realisieren. Für die Gäste bedeutet das: weniger Gedränge, kürzere Wege und ein hohes Maß an Sicherheit.“

„Bochum Total kann wieder atmen“: Das Konzept für 2027

Die logistische Machbarkeit des Standorts im Westpark wurde bereits intensiv geprüft, ein erster solider Veranstaltungsplan steht. Der Umzug ins Grüne soll dem Festival im wahrsten Sinne des Wortes wieder „Platz zum Atmen“ verschaffen. Da sich das Geschehen künftig auf einem offenen Areal konzentriert, müssen für den viertägigen Betrieb nicht mehr weite Teile des städtischen Verkehrsnetzes blockiert werden.

Gleichzeitig versprechen die Macher für 2027 ein hochmodernes, smartes Bühnenkonzept. Geplant ist unter anderem die Einführung einer zukunftsorientierten „Tomorrow-Bühne“ sowie die Integration völlig neuer Kulturformate, für die im Bermuda3Eck schlichtweg der Platz fehlte. Gleichzeitig wird es auf dem weitläufigen Gelände ausreichend Zonen geben, in denen die Besucher zwischen den Konzerten runterkommen und entspannen können.

Trotz des geografischen Wechsels versichern die Organisatoren, dass der unverwechselbare Spirit von Bochum Total absolut unangetastet bleibt. Das Festival behält seinen Ruf als progressiver, musikalischer Seismograph, auf dessen Bühnen schon spätere Megastars wie Seeed, Wir sind Helden, Casper, Kraftklub oder Mark Forster standen, noch bevor sie ihren nationalen Durchbruch feierten. Und das wichtigste Versprechen an die treue Fangemeinde steht felsenfest: Auch im Westpark bleibt der Eintritt zu allen Konzerten und Programmpunkten für die Besucher zu 100 Prozent kostenfrei.

Generationswechsel im Eventteam eingeleitet

Der Umzug markiert nicht nur eine räumliche, sondern auch eine personelle Weichenstellung für die Zukunft. Veranstalter Marcus Gloria (63) nutzt den Meilenstein, um schrittweise einen Generationenwechsel im Führungsteam einzuleiten. Seine Tochter, die 26-jährige Eventmanagerin Jillian Henneke, wird federführend in die detaillierte Neuausrichtung für den Westpark eingebunden und soll die Festivalleitung in den kommenden Jahren perspektivisch ganz übernehmen.

Bevor in den kommenden Monaten die Feinplanung für das Jahr 2027 startet, richten die Festivalmacher jedoch einen emotionalen Appell an alle Bochumerinnen, Bochumer und angereisten Gäste: „Lasst uns alle bis Sonntag noch eine geile und friedliche Abschiedsparty im Bermuda3Eck feiern.“