
Dr. Jochen Veit, Kevin Bicker (2)
(c) Hendrik Klein
Roosters-Mannschaftsarzt Dr. Jochen Veit geht in seine 20. Saison
von Hendrik Klein
Wenn es nach Dr. Jochen Veit geht, kann die Saison für die Iserlohn Roosters in der PENNY-DEL beginnen. „Alle Spieler sind gesundheitlich in guter Verfassung“, so das Urteil des Mediziners. Er muss es wissen, der 54-Jährige ist ausgewiesener Sportmediziner und geht in seine mittlerweile 20. Saison bei den Sauerländern. Der verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern mit Arztpraxis im münsterländischen Nordwalde erinnert sich noch genau an sein erstes Heimspiel in der Saison 2007/2008 am Seilersee: „Das ging seinerzeit mit 9:10 gegen die damaligen Sinupret Ice Tigers aus Nürnberg verloren.“ Karsten Mende, Manager der Roosters, habe ihm danach gesagt: „Doc, glaube mal nicht, dass es in jedem Spiel so geht.“
Der Eishockey-Sport habe ihn schon als Kind begeistert, verrät der Facharzt für Allgemeinmedizin mit Zusatzausbildung als Sportmediziner und für die Chirotherapie. „Meine Eltern haben dringend abgeraten – die Spieler hätten doch alle eine krumme Nase“, erinnert sich Dr. Jochen Veit. Vom Eishockey-Virus war er dann aber endgültig befallen, als er im Rahmen eines Schüleraustauschs in der kanadischen Provinz Alberta zum Training des dortigen Eishockey-Teams mitgenommen wurde.
16 Jahre Zeitsoldat
Doch zunächst gab es andere Prioritäten für Dr. Jochen Veitz. Nach dem Abitur ging es 1991 zunächst zur Bundeswehr. 16 Jahre war er Zeitsoldat. Voraussetzung für die sportmedizinische Zusatzausbildung war die medizinische Betreuung eines Vereins. Die Wahl fiel auf den Fußball-Bezirksligisten 1.FC Nordwalde. In Nordwalde betreibt er seine Arztpraxis gemeinsam mit einem Kollegen. „Wenn es meine Zeit erlaubt, dann gehe ich immer noch zu den Spielen meines Fußballvereins – zum Beispiel, wenn die Roosters auswärts antreten“, sagt Dr. Jochen Veit.
Die Liebe zum Eishockey erkaltete deshalb jedoch nie. Über den Verein der „Deutschen Eishockey-Ärzte e.V.“ bekam der 54-Jährige Kontakt zu Dr. Strich. „Der war Teamarzt der damaligen Revierlöwen Oberhausen.“ Dass er nach seinen Anfängen dort von der Mannschaft auf seine Frage „Wo ist denn Dr. Strich?“ die Antwort bekam: “Du bist jetzt unser Mannschaftsarzt“, war dann doch überraschend. Zwei Jahre, von 2004 bis 2006, blieb Dr. Jochen Veit in Diensten der Revierlöwen Oberhausen, die im Jahr 2007 Konkurs anmelden mussten. Über den Herner EV – 2006/2007 – führte sein Weg schließlich an den Seilersee nach Iserlohn.
„Ich hatte in der Eishockey-News gelesen, dass Roosters-Mannschaftsarzt Thomas Schmidt aufhören möchte. Also habe ich Karsten Mende angerufen“, erinnert sich Dr. Jochen Veit. Der Roosters-Manager meldete sich allerdings erst nach „mehreren penetranten Versuchen“ zurück. Man traf sich, man wurde sich einig. Das passte dem Mediziner aus dem Münsterland gut, weil im Juli 2007 sein Vertrag bei der Bundeswehr ausgelaufen war. Somit war die Spielzeit 2007/2008 die erste für Dr. Jochen Veit als Mannschaftsarzt bei den Sauerländern. Dort ist er jetzt gemeinsam mit seinem Stellvertreter Dr. Dirk Mallmann, Facharzt für Chirurgie, Sportmedizin und Notarzt aus Iserlohn, Prof. Dr. Stefan Esenwein, Leitender Arzt Unfallchirurgie am Marien-Hospital Borken, verantwortlich. Neu im Ärzte-Team ist in dieser Saison Zahnarzt Lutz Feser. Der hat mit seinen Brüdern Klaas und Till eine Vergangenheit als Aktiver beim damaligen EDD Iserlohn vorzuweisen.
Nur wenige Heimspiele verpasst
„Ich habe in all den Jahren nicht viele Heimspiele der Roosters verpasst“, so Dr. Jochen Veit. Seine Praxis in Nordwalde ist an den Wochenenden ohnehin geschlossen, und wenn es mal terminliche Schwierigkeiten gibt, dann kann er auf das Verständnis seines Partners zählen. Die gut eineinhalbstündigen Hin- und Rückfahrten bleiben ihm dennoch nicht erspart. „Die Roosters-Spiele bestimmen natürlich meistens den Dienstplan und die Freizeitplanung. Bei Heimspielen unter der Woche wird es dann schon mal problematischer.“
Nach der Anreise ist Dr. Jochen Veit in der Regel drei bis vier Stunden vor dem ersten Bully und nach den Spielen in der Halle. Dann schaut er sich den Gesundheits- und Genesungszustand nach eventuellen Verletzungen bei den Kufencracks an. „Da wird auch schon mal ein Familienmitglied mit untersucht.“ Hilfreich dafür ist, dass der Mediziner gut Englisch spricht. Das erleichtert die Verständigung mit den Akteuren aus Nordamerika. „Immerhin war mein Vater Englischlehrer.“ Erleichtert wird seine Arbeit auch dadurch, dass er seit vielen Jahren über ein Netzwerk mit Kollegen aus allen Fachgebieten verfügt. „Zu Thomas Schmidt habe ich auch immer noch Kontakt.“
Am Medizinscheck kommt vor der Saison kein Spieler vorbei. „Dafür gibt es klare Vorgaben von der Deutschen Eishockeyliga, es muss ein Untersuchungsbogen ausgefüllt werden. Es gibt Infos zu Krankenversicherungen, alte OP-Narben werden in Augenschein genommen, die Funktion der Gelenke getestet. Blut und Urin werden untersucht, eine Lungenfunktionsprüfung vorgenommen und ein Ultraschall-Bild vom Herzen im Elisabeth-Hospital gemacht.“ Zum Fitness-Test geht es auf den Fahrrad-Trainer.
Ein Akteur zum Herzspezialisten
„Es gab auch schon mal Spieler, bei denen ich Bedenken äußern musste. Ich erinnere mich an einen Akteur, der zum ersten Mal nach Europa kam und auf dem Fahrrad bei zunehmender Belastung extra Herzschläge hatte. Den haben wir dann zum Herzspezialisten geschickt. Der gab dann aber grünes Licht für einen Einsatz“, erinnert sich der Mannschaftsarzt. Sein Attest ist ausschlaggebend für einen Einsatz. Dr. Jochen Veit: „Die DEL verlangt vor dem ersten Saisonspiel eine entsprechende Unbedenklichkeits-Erklärung.“
Eishockey ist ein körperbetonter Sport. Obwohl die Spieler durch ihre Ausrüstung gut geschützt sind, kommt es doch manchmal zu Verletzungen. Knochenbrüche, Kreuzbandrisse, gebrochene Kniescheiben, lädierte Schulter, Hüfte, Bandscheibe, Verletzungen des Gelenk-Aufhängungsapparats sind dann durchaus möglich. Ein besonders trauriger Fall, erinnert sich Dr. Jochen Veit, war Brad Tapper. Der ehemalige Spieler, spätere Co-Trainer und Headcoach der Roosters, musste nach seiner dritten schlimmen Gehirnerschütterung seine aktive Laufbahn beenden.
Und woran könnte es liegen, wenn sich Eishockey-Spieler verletzen? Dr. Jochen Veit: „Man pfercht junge Menschen in eine Mannschaft, es gibt keine gewählten Freundschaften, es sind zeitlich begrenzte Zweckgemeinschaften. Manche Erkrankungen treten auf, weil die Spieler keinen anderen Lebensmittelpunkt haben.“ Dann gibt es da noch die Verletzungen aus dem Spiel heraus. Dr. Jochen Veit erinnert sich an einen Zwischenfall im Spiel gegen die damaligen Hamburg Freezers. Im Powerplay traf Christoph Schubert Brandon Brooks mit einem Schlagschuss im Gesicht und verletzte ihn schwer. „Glücklicherweise sind die absoluten Ausnahmen“, weiß Dr. Jochen Veit aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung an der Bande.
Musik mit „Der Band heißt Horst“
Der neuen Saison fiebert der 54-Jährige – wie das gesamte Roosters-Team – entgegen. Er möchte wieder ein bis zwei Auswärtsspiele besuchen. „In diesem Jahr bin ich auch beim Vorbereitungs-Turnier in Dresden dabei.“ Seine Praxis in Nordwalde ist nämlich urlaubsbedingt Ende August geschlossen. Neben den Roosters und seiner Familie – „Meine Frau ist Reiterin mit einer Reitbeteiligung im Münsterland, ich habe aber eine Pferdehaare-Allergie“ – ist die Musik seine große Leidenschaft. Mit seiner Gruppe „Der Band heißt Horst“ und seinem Soloprojekt „Crasy Doc“ steht er häufig auf der Bühne. „Ein Abend in der Woche gehört der Musik“ verrät Dr. Jochen Veit. Die Heimspiel-Wochenenden sind während der Saison für die Roosters reserviert.
