
U35 Bochum
(c) Sebastian Sendlak
Das neue, vermeintlich „einfachere“ Preissystem des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr entpuppt sich als Kostenfalle an den Stadtgrenzen. Besonders ältere Menschen ohne Smartphone haben ab Juni das Nachsehen.
Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) steht unmittelbar vor dem Start seiner größten Tarifreform zum 1. Juni 2026 – doch statt des versprochenen, kundenfreundlichen Befreiungsschlags droht ein gewaltiger Rückschritt für die Mobilitätswende im Revier. Unter dem Deckmantel der Vereinfachung fallen bewährte, flexible Strukturen weg. Das Ergebnis: Die neue Tarifstruktur sorgt für drastisch höhere Kosten, die gerade Gelegenheitsfahrer, Familien und die ältere Bevölkerung ohne digitalen Zugang massiv benachteiligen. Das Tarifsystem wird zwar auf dem Papier simpler, ist im Alltag aber keinesfalls mehr flexibel.
Das Absurditäten-Beispiel an der Stadtgrenze Herne/Bochum
Wie absurd die neuen Tarifgrenzen in der Praxis greifen, zeigt ein aktueller, vieldiskutierter Fall aus den sozialen Netzwerken, der unserer Redaktion vorliegt. Der Fahrgast Björn Jäger erkundigte sich direkt beim VRR nach den Kosten für eine Fahrt mit der U35 von der Haltestelle „Berninghausstraße“ in Herne bis zur direkt darauffolgenden Station „Rensingstraße“ in Bochum. Er fragte explizit für einen älteren Freund, der kein Smartphone besitzt und auf klassische Papiertickets angewiesen ist.
Die offizielle Antwort des VRR-Social-Media-Teams schockiert: Da es sich um eine städteübergreifende Fahrt handelt, fällt die Verbindung ab dem 1. Juni automatisch in die Preisstufe B. Eine einzige Station und gerade einmal zwei Minuten Fahrtzeit in der U-Bahn schlagen damit künftig mit stolzen 7,80 Euro zu Buche.
Der betroffene Kunde bringt den Unmut der gesamten Region auf den Punkt: „Alles klar, für eine Haltestelle und 2 Minuten U-Bahn-Fahrt 7,80 Euro. Ihr merkt schon, dass eure neue Tarifstruktur etwas seltsam ist. Denke, da lacht die Bogestra auch drüber.“ Das Problem: Da eine städteübergreifende Kurzstrecke im analogen System komplett fehlt, zahlen Kunden an den Stadtgrenzen des Ruhrgebiets nun unverhältnismäßig viel Geld.
Digitalzwang als Barriere: App-Ausfälle im Redaktionstest
Der VRR verweist bei solcher Kritik gebetsmühlenartig auf seine digitalen Tarife wie den kilometerbasierten „eezy“-Tarif per App, bei dem theoretisch nur die Luftlinie abgerechnet wird. Doch diese Argumentation geht völlig an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei. Die alternative App ist schlichtweg nicht für jeden Kunden nutzbar – sei es aus Altersgründen, wegen fehlender technischer Ausstattung oder mangelnder digitaler Barrierefreiheit.
Zudem ist die Technik anfällig: In einem aktuellen Praxistentest unserer Redaktion kam es wiederholt zu Systemausfällen und Fehlermeldungen beim Check-in-Vorgang der VRR-App. Wer in einem solchen Moment ohne Smartphone am Bahnsteig steht, wird vom Verbund gnadenlos zur Kasse gebeten.
Fazit: Der VRR muss dringend nachbessern
Wenn der ÖPNV eine echte Alternative zum eigenen Auto sein soll, darf das Pendeln zwischen Nachbarstädten wie Herne und Bochum nicht zum Luxusgut werden. Eine Reform, die Fahrgäste ohne Handy systematisch diskriminiert und für Kleinststrecken fast acht Euro verlangt, treibt die Menschen zurück auf die Straße. Der VRR muss hier dringend nachbessern und eine analoge, städteübergreifende Kurzstrecke einführen – andernfalls wird der Verbund in den kommenden Monaten massenhaft Kunden dauerhaft verlieren.
