Notbremse im Fahrplan: Deutsche Bahn streicht ab Samstag zahlreiche ICE-Halte im Ruhrgebiet
Der neue ICE L: Ab dem 14. Dezember im Ruhrgebiet unterwegs

(c) Sebastian Sendlak

Um das chronisch überlastete Schienennetz in Nordrhein-Westfalen zu entlasten, zieht die Deutsche Bahn vorübergehend die Reißleine. Ab dem kommenden Samstag (11. Juli 2026) entfallen in mehreren Großstädten des Reviers wichtige Fernverkehrshalte. Fahrgäste müssen auf den Regionalverkehr ausweichen.

Das Schienennetz in Nordrhein-Westfalen gilt als eines der dichtesten, aber auch am stärksten strapazierten weltweit. Ein massiver Sanierungsstau sowie eine Vielzahl an teils kurzfristigen Baustellen haben den Fernverkehr in den vergangenen Monaten zunehmend unpünktlich und instabil werden lassen. Da sich Verspätungen im eng getakteten Revier-Korridor wie ein Dominoeffekt auf andere Züge übertragen, greift der Konzern nun zu einer drastischen Maßnahme: Durch das Auslassen ausgewählter Stopps soll mehr Puffer in den Bahnhöfen entstehen, um den verbleibenden Fernverkehr spürbar zuverlässiger zu machen. Betroffen von den vorübergehenden Streichungen, die rund vier Prozent aller ICE-Halte im Land ausmachen, sind neben Düsseldorf vor allem die Ruhrgebietsmetropolen Duisburg, Essen, Bochum und Hamm. Die Kürzungen gelten vorerst bis zum nächsten großen Fahrplanwechsel im Dezember 2026.

Die Einschränkungen in den Städten im Einzelnen:

  • Duisburg: Ab Samstag fällt die alle zwei Stunden bediente ICE-Direktverbindung über Bonn und Koblenz in Richtung Nürnberg komplett weg. Dies trifft auch die beliebten Direktzüge an die Nordsee (Sylt) und die Ostsee (Rügen). Betroffene Fahrgäste und Touristen müssen stattdessen auf den Regionalverkehr ausweichen, um den nächsten Fernverkehrsknoten in Essen zu erreichen. Die Reisezeit verlängert sich dadurch um etwa 15 Minuten.

  • Essen: Analog zu Duisburg wird auch in der Gegenrichtung der zweistündliche ICE über Bonn/Koblenz nach Nürnberg gestrichen. Bahnkunden aus Essen müssen für diese Relation zunächst mit Nahverkehrszügen oder alternativen Fernverkehrslinien bis nach Düsseldorf fahren, um dort in die gewünschte Verbindung umzusteigen.

  • Bochum: Der im Zweistundentakt verkehrende ICE von Dortmund nach München fährt ab Samstag ohne Zwischenstopp an Bochum vorbei. Reisende aus der Universitätsstadt müssen ebenfalls auf den Regionalverkehr ausweichen und ihre Reise am Hauptbahnhof in Essen beginnen.

  • Hamm: Während die stark frequentierte Ost-West-Achse nach Berlin weitgehend stabil bleibt, entfällt in Hamm ab Samstag der Halt der zweistündlichen IC-Linie von Stuttgart nach Dresden. Fahrgäste werden gebeten, auf die Bahnhöfe Dortmund oder Gütersloh auszuweichen. Hierdurch ist mit einer verlängerten Fahrzeit von 20 bis 30 Minuten zu rechnen.

Fahrgastverband Pro Bahn: „Sinnvolle, aber befristete Notmaßnahme“

Der Fahrgastverband Pro Bahn NRW zeigt Verständnis für den radikalen Schritt der Bahn. Sprecher Lothar Ebbers bezeichnete die Streichungen als „nachvollziehbar und als Notmaßnahme vertretbar“. Da im dichten Hauptkorridor zwischen Dortmund und Düsseldorf die unpünktlichen Fernzüge regelmäßig auch den Regionalverkehr (RE-Linien) ausbremsen, berge das neue Konzept die Chance, wieder mehr Stabilität in das Gesamtsystem zu bringen.

Wichtig sei jedoch, dass keine kompletten Züge ausfallen, sondern lediglich einzelne Stopps gestrichen werden und ausreichend Kapazitäten im Nahverkehr bereitstehen. Die Bahn müsse die Fahrgäste nun präzise auf die Alternativen hinweisen und im Dezember eine ehrliche Bilanz ziehen, die auch die Auswirkungen auf die ohnehin belasteten Regionalbahnen umfasst.